Die jungen Leute, die KI-Apologeten von der Bühne buhen, haben recht. Nur lösen sie damit das eigentliche Problem nicht. Denn KI verschwindet nicht mehr. Die Frage ist nicht ob, sondern wer gestaltet.
Markus Sutera beschreibt im Spiegel eine Szene, die hängenbleibt: An US-Hochschulen werden Redner ausgepfiffen, sobald sie KI als „nächste industrielle Revolution“ feiern. Die Absolventen, die da buhen, sind nicht technikfeindlich — die meisten nutzen KI täglich. Sie misstrauen nur denen, die ihnen von der Bühne herab erklären, wie großartig die Zukunft wird, ohne zu sagen, wer dafür zahlt.
Und das ist berechtigt. Eine Gallup-Umfrage zeigt: Nur noch 18 Prozent der 14- bis 29-Jährigen in den USA blicken hoffnungsvoll auf KI — ein Jahr zuvor waren es 27. Fast die Hälfte der jungen Berufstätigen glaubt, die Risiken überwögen den Nutzen. Das ist kein Bauchgefühl. Das sind Menschen, die sehen, dass ausgerechnet die Einstiegsjobs wegbrechen, auf die sie nach dem Studium angewiesen wären.
Ich verstehe den Reflex. Wer die Folgen tragen muss, ohne gefragt worden zu sein, hat ein Recht auf Wut. Das Buhen ist eine ehrliche Reaktion auf eine unehrliche Erzählung — die Erzählung, KI sei ein Naturereignis, dem man nur zustimmen kann.
Aber genau hier hört meine Zustimmung auf. Denn das Buhen ändert nichts. Der Geist ist aus der Flasche. KI wird nicht wieder verschwinden, egal wie laut eine Abschlussklasse pfeift. Wer das nicht akzeptiert, überlässt das Feld kampflos.
Ablehnung ist keine Strategie
Das Problem mit der reinen Skepsis: Sie ist passiv. Sie sagt, was sie nicht will, aber sie gestaltet nichts. Und in das Vakuum, das die Verweigerung lässt, stoßen genau die, die ohnehin schon am Hebel sitzen. Eine Handvoll Tech-Konzerne und ihre Eigentümer entscheiden dann allein, wie diese Technologie aussieht, wem sie nützt und wen sie ersetzt.
Das ist die eigentliche Gefahr — nicht die KI selbst, sondern die Konzentration der Gestaltungsmacht. Wenn die Steuerung bei einer kleinen Gruppe von Milliardären liegt, deren Geschäftsmodell von genau dieser Technologie abhängt, dann ist das Ergebnis vorhersehbar. Es wird nicht im Interesse der Absolventen ausfallen, die da buhen.
Mitgestalten heißt: hinsetzen, nicht aufstehen
Die Alternative ist unbequemer als Buhrufe. Sie heißt: sich einmischen. Demokratisch. Das ist mühsamer als ein Zwischenruf bei einer Abschlussfeier, aber es ist das Einzige, was wirkt.
Konkret heißt das: Regulierung mitschreiben, statt sie abzuwarten. Betriebsräte, die KI-Einsatz mitbestimmen. Hochschulen, die nicht nur Tools verbieten oder bejubeln, sondern Mündigkeit im Umgang lehren. Eine Öffentlichkeit, die nachfragt, wem ein Rechenzentrum nützt und wen sein Strompreis trifft. Das ist nicht so laut wie ein „AI sucks!“ — aber es verändert etwas.
Ich arbeite seit Jahren mit dieser Technologie, baue Systeme, die auf ihr aufsetzen. Ich bin kein Apologet und kein Verweigerer. Ich bin überzeugt: Wer eine Technologie nicht gestalten will, wird von ihr gestaltet. Das gilt für Teams, die ich berate, und es gilt für eine Gesellschaft.
Zusammengefasst
- Die KI-Skepsis junger Menschen ist berechtigt — aber Ablehnung allein gestaltet nichts.
- KI verschwindet nicht mehr. Die Frage ist nicht ob, sondern wer steuert.
- Wenn wir uns nicht demokratisch einmischen, übernehmen das eine Handvoll Tech-Eigentümer allein.
- Mitgestalten ist unbequemer als Buhen — Regulierung, Mitbestimmung, mündige Bildung. Aber es ist das Einzige, was wirkt.
Die Generation, die jetzt buht, hat länger mit den Folgen zu leben als jeder Manager, der ihr zum Abschluss gratuliert. Genau deshalb sollte sie sich nicht mit Buhrufen begnügen. Sie sollte sich an den Tisch setzen, an dem entschieden wird — bevor andere den Tisch ganz für sich haben.
